Darfs ein bisschen weniger sein?

„Frohes neues Jahr“, schallte es über den Gang. „Ja, das wünsche ich dir auch. Auf ein Neues. Schauen wir mal, was dieses Jahr so bringt“, erwiderte ich. „Na hoffentlich nicht ganz so viel wie letzten Jahr. Es darf gern ruhiger werden.“

So oder so ähnlich klangen die ersten Gespräche mit den Kollegen im neuen Jahr. Nachdem 2015 ein sehr schnelles, sehr ereignisreiches Jahr war, hoffe nicht nur ich nun auf ein entschleunigtes Jahr mit Zeit für meine eigenen Interessen. Das Private soll endlich wieder über dem Beruflichen stehen – Downshifting, wie man heute sagt. Damit bin ich nicht der einzige – das wünscht sich auch der Großteil der deutschen Bevölkerung, das fand die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen mit ihrer Befragung zu den persönlichen Zielen für 2016 (1) heraus.

Von wegen berufliche Karriere und Abenteuerlust – dieses Jahr sehnen sich die meisten nach Entschleunigung und Sicherheit, nach Zeit für sich sich selbst, Freunde und die eigene Familie. Dicht gefolgt Sparsamkeit, denn mehr als die Hälfte hat sich auch vorgenommen, in diesem Jahr finanzielle Rücklagen zu bilden. Nur ein Fünftel will in diesem Jahr beruflich durchstarten.

„Wer heute ins Berufsleben einsteigt, in den Kommunikationsberufen ist das noch ausgeprägter als irgendwo sonst, will nicht mehr trennen zwischen Work und Life. Work ist Life und Life ist sowieso Life.“ schrieb Winfried Bergmann, HR-Manager bei Serviceplan, vor einigen Tagen auf HORIZONT. Haben wir letztens noch darüber diskutiert, wie wir alle zu Müßiggängern werden, heißt es nun, dass wir Kommunikationsleute uns doch ganz bewusst gegen ein Privatleben entscheiden: „Aber wenn es dann passt, werden auch keine strikten Grenzen mehr gezogen zwischen geschäftlich und privat, zwischen Werktag und Wochenende, zwischen müssen, dürfen und wollen und die Motivation für das Eine kommt aus dem Anderen, was immer es sei.“

Reputation vor Realität

Das klingt, als hätten wir eine Wahl. Haben wir in der Regel aber nicht. Die größten Herausforderungen in Agenturen sind unrealistische Projekt-Timings, planlose Kunden und Vorgesetzte. Das zeigte vergangenen Sommer die skjlls Studie zu den Arbeitsbedingungen in der Medienbranche (2).

Nach wie vor leiden also insbesondere die großen Agenturen an Realitätsverlust oder tabuisieren die wirklichen Arbeitsbedingungen zugunsten einer positiven Arbeitgeberreputation. Ganz entgegen den Strategien, die den Kunden empfohlen werden. Wir leben und arbeiten noch immer in der bunten Agenturblase. Das zeigt eine aktuelle Studie zu den Personalmarketingmaßnahmen, die an der Uni Leipzig durchgeführt wurde (3). Kreativität und Leidenschaft sind die am häufigsten verwendeten Schlagwörter in den Beschreibungen der Agenturen zur Unternehmenskultur – also ein großer kreativer, leidenschaftlicher Einheitsbrei, in dem alle Agenturen schwimmen.

Aber zurück zum Thema Zeit bzw. Downshifting. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich mehr Zeit für die wichtigen Dinge zu verschaffen – das fängt zunächst damit an, Prioritäten neu zu definieren bzw. zu verlagern, vom Job auf das Privatleben. Als nächstes sollte man klären, ob der Job überhaupt noch Spaß macht – bin ich zufrieden mit meiner Arbeit oder wird es Zeit für einen Wechsel?

Ganz klar ist, Work ist nicht Life, der Job hat im Privatleben nichts verloren, selbst wenn ich ihn noch so gern mache. Will ich also weniger arbeiten, sollte ich mit meinem Arbeitgeber klären, ob es möglich ist, die Zahl der Arbeitsstunden zu reduzieren.

Downshifting

Es muss sich etwas ändern!

Das sind zumindest die Schritte, die ich persönlich für ein entspannteres Arbeitsleben gehen kann. Damit ist es aber nicht getan. Solange wir unsere Arbeit beschönigen und vorgeben, in einer glitzernden Welt zu leben und arbeiten, wird sich nichts ändern. Das betrifft die Kommunikation in Richtung Nachwuchs, vor allem aber in Richtung der Kunden. Dazu aber ein anderes Mal mehr…

In diesem Sinne: FUCK BUSY!


(1) 2.000 Befragte ab 14 Jahren in Deutschland, 2015
(2) 1.089 Festangestellte und Freelancer aus der Medienbranche in Deutschland, 2015
(3) 109 befragte Agenturen in Deutschland, 2015

Photo by Anthony Albright

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