Das Berlinsyndrom

Alle wollen in die Hauptstadt. Ich aber wollte nie.

„Du wohnst in Berlin?“ werde ich jedesmal erstaunt und ein wenig neidisch gefragt, ergänzt um ein „voll cool“. Jeder will hier leben, denn Berlin übt eine ganz eigene, fast mysteriöse Faszination aus, ganz anderes als in anderen Großstädten.

Ich wohne nun seit fast drei Jahren hier – drei Jahre, die gefühlt wie im Fluge vergangen sind, in einer Stadt, die ich mir als Wohnort nie hätte vorstellen können. Denn: die Stadt überfordert mich zu oft – nun gut, Metropolen gelten gemeinhin auch nicht als Naherholunsgebiete oder Kurorte, sondern sie sind für das pulsierende Geschehen beliebt.

Alles ist möglich in dieser Stadt. Hier gibt es die Angebote für jeden Geschmack und alle Vorlieben – kulinarisch, sexuell und nicht zuletzt auch touristisch. Die Stadt des Überflusses (nur nicht des finanziellen) und der Freiheiten. Darum wundert es mich nicht, dass sich hier Touristenmassen tagein, tagaus durch die Straßen schieben, pausenlos. Die Faszination und Begeisterung steht ihnen allen ins Gesicht geschrieben – ein Meer an funkelnden Augen.

Es ist das Berlinsyndrom, das alle sofort befällt. Keine Krankheit, wenngleich es doch ansteckend ist. Es sind vielmehr bestimmte Verhaltensweisen, die alle Berliner – ob nun gebürtig, zugezogen oder temporär – zeigen. Selbst an mir erkenne ich schon erste Anzeichen.

Bloß nicht freundlich

Das wohl typischste und weithin bekannte Symptom des Berlinsyndroms ist natürlich auch die „Berliner Schnauze“, mit der man spätestens im Restaurant oder in der Kneipe konfrontiert wird. Freundlisch is hier nich! Dit jibts woanders!

Bloß keine klaren Entscheidungen

Berliner entscheiden sich nicht bzw. legen sich ungern fest. Sie wollen es auch gar nicht – schließlich könnte man ja etwas verpassen. Das betrifft nahezu alle Lebensbereiche, von alltäglichen Dingen, dem Einkaufen, über den Job, bis hin zu Sex und Liebe.

Gerade dieses Sich-nicht-festlegen-können ist das Phänomen einer ganzen Generation, die gern auch als die „Generation Y“ bezeichnet wird – also alle, die die Jahrtausendwende als Teenager erlebt haben. Es ist die erste Generation, die quasi ohne Grenzen bzw. Einschränkungen aufgewachsen ist, der die Welt und damit alle Möglichkeiten offen stehen. Sie sind technisch modern ausgestattet, das Smartphone ist der wichtigste und ständige Begleiter – wir sind immer on, so sind wir immer und überall vernetzt und haben immer und überall Zugriff auf sämtliche Informationen. Damit uns auch immer und überall bloß nichts entgeht.

Bloß nichts verpassen

Die Angst, hier in Berlin etwas verpassen zu können, ist berechtigterweise groß. Das liegt an diesem Überangebot. In meinen ersten Tagen in hier wollte ich abends die Stadt erkunden und um die Häuser ziehen, in ein paar Bars oder Clubs. Als unerfahrener Neu-Berliner habe ich also einfach die Stadtmagazine durchgeblättert bzw. im Internet geschaut, was so los ist. Ich kannte mich nicht wirklich aus, wusste demnach auch nicht, welche Kieze hier angesagt sind. Nachdem ich etwa zwei Stunden damit verbracht hatte, das kulturelle Abendangebot Berlins durchzuschauen, war mir die Lust vergangen. Also blieb ich frustriert zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Das gleiche geschah, als ich am nächsten Tag nach Museen und aktuellen Ausstellungen schauen wollte. Auch diesen Plan habe ich irgendwann frustriert aufgegeben. Bei diesem Überangebot fällt die Auswahl enorm schwer, man will sich eben nicht festlegen, aus Angst etwas anderes, noch besseres, verpassen zu können.

Bloß kein Mainstream

Niemand will hier in eine Schublade gesteckt bzw. stigmatisiert werden – es zählt die Individualität. Das wurde in den letzten Jahren so stark forciert, dass gerade dieses krampfhafte Anderssein nun zum Mainstream geworden ist. Deshalb wundert mich hier nichts mehr. Egal, wie die Leute kostümiert oder die Haare gefärbt sind, ob die Farbkombination nun zusammenpasst oder die Klamotten trendig sind – es interessiert hier keinen bzw. wird geduldet. Eine Duldsamkeit, die zur Gleichgültigkeit verkommen ist. Es ist wie dieses wer-zuerst-blinzelt-Spiel, wir ignorieren uns gegenseitig zu Tode. Daher wundert es auch nicht, dass es hier keinerlei städtische Gemeinschaft gibt. Man fühlt sich lediglich seinem Kiez verbunden – kleine Inseln, auf die man sich zurückziehen kann und Gleichgesinnte um sich herum schart, dort fühlt man sich wohl. Anders ist diese Stadt mit ihrer geballten Kraft nicht zu ertragen, man wird schnell überrollt und überfordert.

Fazit: Es lohnt sich in Berlin zu leben

Doch genau all das macht das Leben in Berlin so lebenswert. Denn diese Stadt tickt nicht wie andere Großstädte, Berlin hat ihren eigenen Rhythmus und dadurch einen ganz eigenen, unvergleichlichen Charme. Alles ist möglich in dieser Stadt, alles wonach mir gerade gelüstet, findet sich hier – ein Paradies, ein Schlaraffenland, der Ort der 1000 Möglichkeiten.

 

Photo by tinto

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