Das Gras der Anderen – Der Versuch einer Selbsteinschätzung

Über uns „Millennials“ wird ja viel gesagt, geschrieben bzw. gespottet und geschimpft. Der Grund: wir hätten zu hohe Ansprüche und Erwartungen, insbesondere an unsere Arbeit(geber). Statt zu arbeiten, gehe es uns nur um – Achtung ein Buzzword – Selbstverwirklichung, die wir auch ständig einfordern. Das führt zu einer Menge Frust bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Aber was genau ist eigentlich der Grund für diesen Frust? Insbesondere Personaler bzw. Recruiter beschweren sich darüber, dass wir mit überzogenen Forderungen in die Bewerbungsgespräche kommen, die jedoch in keinem Verhältnis zu der zu erbringenden Leistung stehen. Und wenn wir dann einen Job haben, kündigen wir nach kurzer Zeit schon wieder, auf der Suche nach der nächsten Herausforderung oder einer besseren Arbeit. Ganz im Gegensatz zu unseren Eltern, deren Berufslaufbahnen eingeschränkter oder bereits vorgezeichnet waren, die Verweildauer im gleichen Unternehmen war zudem sehr lang.

Karrieren verlaufen heute in alle Richtungen

Karrierewege sind heute nicht mehr klar planbar. Schon allein der Begriff Karriere ist nicht mehr eindeutig besetzt. Wurden früher Sicherheit, ein gutes Einkommen und der Aufstieg angestrebt, so definiert sich mittlerweile jeder seinen eigenen Weg – eben neben der Bezahlung auch das Streben nach einer erfüllenden Aufgabe, die zudem noch ein Privatleben zulässt. Karrieren sind heute individuell, nicht mehr nur vertikal, sondern auch horizontal und diagonal. Nicht nur von unten nach oben, auch entgegensetzt. Nicht nur linear, sondern eher „mäandrisch“. Da wird das Hamsterrad gestoppt und ausgestiegen, um einen Gang runterzuschalten oder ein eigenes Unternehmen zu gründen. Und das stellt die Personalabteilungen vor große Herausforderungen, denn das ändert das Recruiting und Retention Management grundlegend. Alles wird fluider.

Und genau das ist der Ursprung für die derzeitige Frustration – bei Personalabteilungen, genauso aber auch bei uns. Alles ist heute möglich und dieses ALLES ist für uns nicht greifbar. Uns wird von unseren Eltern, in der Schule, an den Universitäten, von sämtlicher medialer Berichterstattung vermittelt, wir können alles sein. Das führt dazu, dass wir leider aber auch alles sein wollen, möglichst ohne etwas zu verpassen. Noch besser, noch schöner, noch erfolgreicher, noch ausgeglichener noch verwirklichter – bloß nicht normal und durchschnittlich. Facebook, Instagram und YouTube zeigen uns jeden Tag, was wir alles nicht machen und scheinbar verpassen. Ob es unsere Freunde sind, die permanent Reisebilder posten – und man sich fragt, wann sie überhaupt mal arbeiten bzw. diese Reisen finanzieren – oder die neuen YouTube-Stars, die uns zeigen, wie einfach es mit Hilfe der sozialen Medien doch scheinbar ist, viel Geld zu verdienen, nur allein durch Dauergrinsen und ein bisschen aufgesagten Blödsinn vor der Kamera.

Unser Gras ist sowieso nie grün

Und dann betrachten wir unseren Job im Vergleich dazu: aus den vielen Möglichkeiten, die wir eigentlich haben, ist dann doch „nur“ ein normaler Arbeitsalltag geworden, die Bezahlung könnte sowieso immer besser sein, die Aufgaben fordern uns nicht, wir arbeiten sowieso viel zu viel und haben kaum Zeit für ein Privatleben, damit eben auch nur begrenzte Zeit für Reisen. Naja, und selbstverwirklicht haben wir uns so gar nicht, wir wissen oftmals gar nicht warum wir unsere Arbeit verrichten und zu welchem Zweck. Das ist die Realität – und die zeigt uns, dass das Gras der anderen sowieso immer viel grüner und saftiger ist, mit bunten Blumen, während unser eigener Rasen eher dürr und gelblich-grün ist. Wir führen eben „nur“ ein ganz normales Leben. Zumindest in unserer Wahrnehmung. Aber ist das so schlimm?

Unser Gras ist auch grün und manchmal ist eine schöne Aussicht doch sowieso viel besser, denn ein immergrüner Rasen mit vielen bunten Blumen bedarf einer aufwändigen Pflege (oder er ist gefaked). Die Frage ist: wollen wir das denn überhaupt? Statt einer Konzentration auf den Neid sollten wir lernen, mit der Informations- und Bilderflut der sozialen Netzwerke umzugehen und unsere Situation realistischer einzuschätzen. Zudem ist dieses Bild, das uns dort gezeichnet wird, nicht unbedingt der Realität entsprechend. Damit will ich sagen, dass die Situation, in der wir gerade leben, vielleicht doch gar nicht so schlimm ist, wie wir eigentlich glauben. Das ist jetzt nicht die ultimative Lösung des Dilemmas, aber ein erster wichtiger Schritt.

Photo by Ignacio Sanz

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