„Lass uns dazu doch mal meeten! Das sollten wir nicht hier besprechen, sondern in großer Runde.“ Wie oft habe ich den letzten Jahren diese oder ähnliche Sätze gehört. Und wenn dann „gemeetet“ wurde, gab es keine Entscheidungen, sondern neue, fortführende Meetings oder man hat dazu ein „Paper“ verfasst, das dann zur Abstimmung in die Runde geht. Das ist jedoch kein internes Phänomen, das funktioniert genauso in der Abstimmung mit Kunden. Schnell ist man da in der Abstimmungshölle. Und jeder hat etwas zu sagen und eigene Änderungswünsche. Es ist nunmal die Eitelkeit, die uns jeden Tag antreibt, wir wollen etwas zu sagen haben. Da spielt es gar keine Rolle, ob das sinnvoll ist oder nicht.

Schließlich beweisen wir uns in Gesprächen ja auch gern gegenseitig, wie stressig unser Alltag ist bzw. kämpfen wir darum, wer mehr Stress hat:

„Und bei dir so?“
„Im Moment echt Stress!“
„Das kenne ich. Ist bei mir genauso!“
„Wird aber immer schlimmer.“
„Mmhm.“

Arbeit dehnt sich wie Gummi
Klar, auch ich habe mich schon in solchen Gesprächen erwischt. Aber mal ganz im Ernst: Wie bescheuert ist es denn bitte, sich darüber zu streiten, wer mehr Stress hat?! Sinnvoller wäre doch ein Gespräch darüber, welches Buch ich derzeit lese und warum dieses gut oder schlecht ist. Da halte ich es ganz mit Cyril Northcote Parkinson. Er wusste, dass Arbeit sich wie Gummi dehnt. 1957 veröffentlichte er das Parkinson’sche Gesetz, das besagt, dass sich Arbeit genau in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für deren Erledigung zur Verfügung steht. Sehr eindrucksvoll beweist uns das immer wieder die öffentliche Verwaltung. Doch auch andere Unternehmen leiden unter diesem Phänomen. Und das zeigen eben oben beschriebene Meetings sehr eindrucksvoll. Wie oft bin ich aus Meetings gegangen, ohne dass wichtige Fragen geklärt waren?

Public Reading
Es drängt sich die Frage auf: Was würde ich denn machen, wenn ich keinen „Stress“ hätte? Die Antwort: Ich würde gern mehr lesen. Ich denke immer, dass ich dafür nie Zeit habe. Falsch gedacht. Denn die Zeit ist da, wir nutzen sie nur nicht bzw. legen den falschen Fokus – wie uns auch Herr Parkinson vor Augen führt. Seit ich dieses Gesetz kenne, hindere ich die Arbeit daran, sich in meine Freizeit auszudehnen, also der Arbeit nicht mehr Zeit gebe als wirklich nötig.

Habe ich getan, tue ich noch. Seit Januar lese ich in jeder freien Minute: morgens in der S-Bahn, ab und zu in der Mittagspause, abends in der S-Bahn, in der Wanne, im Zug, im Flieger. Ich habe immer ein Buch dabei. Seit Anfang des Jahres habe ich bereits vier (!) Bücher gelesen. Das hätte ich nicht für möglich gehalten, es geht also. Derzeit lese ich da fünfte Buch. Und ich bin nicht der einzige. Täglich sehe ich Menschen mit Büchern in der Hand. Und, so neugierig wie ich bin, schaue ich natürlich, was andere lesen. Darüber schreibe ich in der nächsten Woche und stelle hier unter der neuen Kategorie „public:reading„, in welche Werke andere in S-, U-Bahnen und Zügen vertieft sind.

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