Erwachsenwerden macht (meistens) Spaß

Der TV-Werbespot einer Auto-Marke suggeriert mir, dass Erwachsen werden doch Spaß mache. Aber ist das wirklich so?

Meine Eltern haben mal gesagt, man sei erst dann erwachsen, wenn man abends aus eigener Entscheidung früh ins Bett geht. Wenn es doch bloß nur DAS wäre. Erst letztens habe ich in einer abendlichen, feucht-fröhlichen Runde mit guten Freunden aufgezählt, was eigentlich alles spießig und erwachsen sei – dabei haben wir uns wie Teenager gefühlt und auch benommen. Nicht zuletzt durch unser albernes Gekicher und die Vorstellung an unsere Eltern.

Ein Festnetzanschluss, sonntags den Tatort schauen, lange Spaziergänge, ein mehrteiliges Porzellan-Service – um nur einige der „erwachsenen“ Dinge zu nennen. Aus unserem anfänglichen Gekicher wurde schnell betretenes Schweigen und unsere Blicke wanderten zu Boden. Oh Gott! All diese Punkte erfüllen wir! Ich besitze ein Festnetz-Telefon (sogar mit Anrufbeantworter), das ich vorrangig zum Telefonieren mit meinen Eltern nutze. Ich finde es toll, am Sonntagabend den Tatort zuschauen, nach einem ausgiebigen Spaziergang an der frischen Luft. Und letztens habe ich ein mehrteiliges Ess-Service geschenkt bekommen und mich darüber gefreut, nicht mehr das Patchwork-Geschirr aus Studienzeiten auftischen zu müssen, wenn ich Freunde zum Essen einlade.

Jetzt ist es also soweit. Ich bin fassungslos. Dabei hätte ich die Zeichen der Zeit doch eigentlich erkennen müssen. Von den biologischen (kreisrunder Haarausfall, graue Haare, regelmäßige Rückenschmerzen) mal abgesehen. Es kam so plötzlich – ohne Vorankündigung und auch ohne Eingewöhnungszeit. Es fühlt sich fast so an, wie abrupt aus einem schönen Traum gerissen zu werden.

Als ich noch jung war (jetzt darf ich das ja auch sagen), habe ich ständig vom Erwachsensein und auch der großen Karriere geträumt. Ich konnte es kaum erwarten, endlich mein eigenes Leben zu leben und meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Doch meine damalige Vorstellung sieht ganz anders aus als die Realität – ganz anders als der Alltag. David Foster Wallace* hat es in seiner Rede mit dem Titel „Das hier ist Wasser“ treffend formuliert: „Teilweise besteht dieses Leben nämlich aus Langeweile, Routine und banaler Frustration.“

Recht hat er. Nicht jeder Tag ist Spaß – wir sitzen eben nicht tagsüber in modernen Büros, brainstormen nicht jeden Tag und gehen nicht jeden Abend auf tolle angesagte Partys, auch wenn uns das viele amerikanische Filme suggerieren. Der Alltag sieht anders und langweiliger aus. Wir müssen jeden Tag aufs Neue (über)leben und Verantwortung für unser Handeln übernehmen, wir müssen Geld für den Lebensunterhalt verdienen. Wir müssen Rechnungen zahlen, die Steuererklärung machen, den Kühlschrank füllen usw.

Und natürlich gibt es auch schlechte Tage, an denen man Aufgaben erledigen muss, die keinen Spaß machen; man muss sich mit Kollegen auseinandersetzen, um Ideen durchzusetzen und zu überzeugen. Wer im Berufsalltag bestehen will, muss ehrgeizig, ausdauernd und hartnäckig sein.

„Es ist unvorstellbar schwer – tagein, tagaus bewusst erwachsen zu leben“, sagte David Foster Wallace in seiner Rede. Erwachsenwerden ist also extrem hart und man wird direkt ins kalte Wasser geschmissen. Doch wenn man den Dreh einmal raus hat, dann läuft es fast von ganz allein und der Spaß kommt zurück. Man kann das Leben in vollen Zügen genießen und will dieses Leben auf keinen Fall mehr mit dem eines Studenten oder Jugendlichen tauschen. Schließlich muss man nicht mehr bei den Eltern um eine weitere Finanzspritze betteln, muss für keine Klausuren lernen und kann sich von dem selbst verdienten Geld tolle Dinge kaufen. Insofern sollte die Aussage des TV-Spots eher lauten: „Erwachsensein macht (meistens) Spaß.“

* Foster Wallace, David (2012): Das hier ist Wasser / This is Water: Anstiftung zum Denken. Köln.

Photo by crdotx

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