Ich arbeite, also bin ich? - Warum ist Arbeit für uns so wichtig?

Ich bin auf eine Party von Freunden eingeladen. Nachdem ich mein Geschenk überreicht, ein paar warme Worte mit den Gastgebern ausgetauscht und mir den ersten Drink gegönnt habe, stürze ich mich ins Getümmel. Die besten Plätze auf solchen Parties sind entweder die Küche oder (selbst bei niedrigsten Temperaturen) der Balkon, hier trifft man meist die interessantesten und lustigsten Menschen. An diesem Abend entscheide ich mich für den Balkon. Dort lerne ich ein paar neue Leute kennen. Man stellt sich mit dem Namen vor und findet heraus, woher man den Gastgeber kennt, gefolgt von der scheinbar über die Zukunft dieser Bekanntschaft und sowieso alles entscheidenden Frage: „Und, was machst du so?“ Natürlich zielt die Frage ab auf meine berufliche Tätigkeit. In Berlin ist die statistisch häufigste Antwort entweder: „Ich mach was mit Medien.“ Oder noch viel wahrscheinlicher: „Ich hab da gerade so’n paar Projekte laufen.“

Ich arbeite, also bin ich?

Ist es so, wie schon seinerzeit Martin Luther zu sagen pflegte: „Der Mensch ist zur Arbeit, der Vogel zum Fliegen geschaffen“? Unser ganzes Leben soll sich also nur ums Arbeiten drehen, bereits seit mehreren Jahrhunderten – die Notwendigkeit, der Sinn unseres Daseins?

Zu genau diesem Thema ist mir vor einiger Zeit ein Buch in die Hände gefallen, das jenen Fragen auf den Grund geht. Patrick Späth, Autor eben jenes Buches „Und, was machst du so?“ fragt zurecht: „Was ist überhaupt Arbeit in einer Gesellschaft, in der alles zur Arbeit deklariert wird? Wenn wir mit unseren Kindern spielen, leisten wir Erziehungsarbeit. Sport wird zum knallharten Work-out. Selbst die Wehklage um einen geliebten verstorbenen Menschen wird zur Trauerarbeit stilisiert. Und in Lifestyle-Magazinen lesen wir von der angeblich immensen Bedeutung der Traumarbeit – selbst im Schlaf terrorisiert uns dieser Dämon. Im Grunde ist jede geistige und körperliche Aktivität eine Form der Arbeit.“

Arbeit gehört wohl nicht zum Leben dazu?

Mein Lieblingszitat im Buch stammt von Alfred Polgar, der sagte: „Arbeit ist das, was man tut, um es – Zielpunkt im Unbewussten – einmal nicht mehr tun zu müssen.“ Wir arbeiten also, um irgendwann einmal faul sein zu dürfen – gleichzeitig verurteilen wir aber die Faulheit und den Müßiggang. Und schließlich brauchen wir ja das verdiente Geld auch zum Überleben. Häh?!

Daher werden dann so komische Konzepte geschaffen, wie die „Work-Life-Balance“. Dazu schreibt Patrick Späth: „Der Modebegriff der Work-Life-Balance ist verräterisch: Unsere Arbeit und unser Leben sind offensichtlich zu zwei verschiedenen Dingen geworden. Ja, während wir arbeiten, leben wir offensichtlich nicht.“ (S. 129) Daher träumen wir vom „Zurückschalten“, vom Entspannen – an meterlangen Sandstränden, beim Wandern durch imposante Gebirge und dem Kennenlernen neuer Menschen und Kulturen.

Das Konzept der Work-Life-Balance habe ich sowieso nie verstanden. Um leben zu können, müssen wir nunmal arbeiten, die Arbeit ist also ein unerlässlicher Bestandteil unseres Lebens – außer wir haben reiche und verdammt großzügige Eltern, die uns üppige Lebensstile finanzieren. In meinem Fall war dem nicht so.

Wann haben wir angefangen, zuviel zu arbeiten?

Als Arbeit nicht mehr nur zur Sicherung des Lebensunterhalts diente, sondern Prestige und einen gewissen gesellschaftlichen Status mit sich brachte. Aus dieser Zeit stammt eben auch oben beschriebene Frage „Und was machst du so?“ Man stelle sich doch nur mal vor, man würde hier etwas scheinbar Belangloses, nichts Progressives nennen und eine Missbilligung riskieren!

Doch erneut wendet sich das Blatt, nun wollen wir wieder weniger arbeiten, denn der Luxus unserer Gegenwart ist die Verfügbarkeit von Zeit. Also „downshiften“ wir, wir reduzieren unsere Arbeitszeit zugunsten unserer Freizeit, ja manchmal steigen wir sogar ganz aus, ziehen uns aus der Arbeitswelt zurück – in ein „Sabbatical“. Zahllose Ratgeber, digitale Nomaden oder sogar die eigenen Kollegen machen es uns vor und schicken uns dann die traumhaftesten Bilder, die uns vor Neid erblassen lassen. Aber mal ganz ehrlich: auch das Aussteigen muss man sich erst einmal leisten können. Und dafür müssen wir dann aber doch arbeiten.

Unsere Angst vor der Überflüssigkeit

Neben diesem finanziellen Aspekt spielt auch unsere Reputation, also die Befriedigung unseres Egos, eine nicht zu verachtende Rolle. Wir wollen die Bestätigung, von der Gesellschaft gebraucht werden. Und wenn dem so ist, dann rühmen wir uns gern damit – je höher die Position, desto stärker natürlich auch das Prestige und scheinbar desto wichtiger für die Gesellschaft – und die damit verbundenen materiellen Eigentümer sind natürlich auch sehr reizvoll.

Ihr merkt, wir drehen uns hier im Kreis. Uns sollte klar werden, dass es so viele andere Eigenschaften an Menschen gibt, die sie interessant machen – weit ab von Beruf und gesellschaftlichem Status. Es sind viel eher Denkweisen, Erfahrungen, Geschmack und vor allem Werte. Statt also zu fragen „Was machst du so?“ sollten wir unsere Prioritäten verlagern und uns überlegen, wie wir unser Gegenüber tatsächlich besser kennenlernen – selbstverständlich nur dann, wenn es uns auch wirklich interessiert.

Eine schöne Weihnachtszeit und damit auch einen ruhigen Ausklang eines wahrlich turbulenten Jahres.

 

Photo by michelhrv

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