Durch das geöffnete Fenster dringt der Feierabendlärm der Straße – vorbeifahrende Autos und Straßenbahnen, Straßenmusiker und Geschrei von Menschen. Mittlerweile ist es dunkel. Meine Augenlider werden langsam schwer, nur mit einiger Mühe erkenne ich noch die Zeichen auf dem Bildschirm vor mir. Ich reibe mir die Augen, greife nach meiner Kaffeetasse. Leer. Na gut, ein bisschen Bewegung schadet gerade nicht, der Weg in die Küche macht vielleicht wieder wach.

Es ist Freitagabend, 22.37 Uhr – „normale“ Menschen sind zu dieser Zeit längst im Nachtleben der Stadt unterwegs oder zu Hause, mit Freunden und Familie beim gemeinsamen Essen oder vor dem Fernseher, um die Strapazen der Woche hinter sich zu lassen. Ich nicht. Ich bin Senior Berater und Projektleiter in einer Kommunikationsagentur und arbeite um diese Zeit an einem Konzept. Und das ist in den letzten Wochen keine Ausnahme, sondern die Regel. Diverse Konzepte, Pitch-Präsentationen, ein dringendes Strategiepapier für den Chef, ein großes Event für den Kunden und nebenher noch das normale Tagesgeschäft. Und so summieren sich 8o Arbeitsstunden in der Woche, auch die Wochenenden bleiben nicht verschont. Das ist Alltag.

Aus Leidenschaft

Solche Arbeitsbedingungen sind nicht ungewöhnlich – im Agenturalltag oftmals der Normalfall – nicht ständig, doch sehr häufig. Die logische Frage an dieser Stelle lautet natürlich: warum arbeite ich überhaupt noch hier? Die Antwort: aus Leidenschaft für die Arbeit, nicht jedoch für den Job. Es begeistert mich eben immer wieder aufs Neue, Geschichten zu schreiben – für Marken und Unternehmen. Botschaften zu einem bestimmten Thema, für ein Produkt zu entwickeln, eingebettet in einer umfassenden, logischen Strategie, um daraus kreative, außergewöhnliche Maßnahmen abzuleiten, die für Gesprächsstoff sorgen. Das ist der Grund, warum ich oftmals gar nicht merke, dass ich so spät noch im Büro sitze oder am Wochenende auch mal an einem spontanen Geistesblitz arbeite – es ist die Leidenschaft für die Sache, die sich in einem fast unbändigen Enthusiasmus ausdrückt und eben keine festen Bürozeiten hat. Dann will ich an einem guten Gedanken weiterarbeiten – ihn aufschreiben, prüfen und in eine Strategie übersetzen, ohne den Druck, es zu müssen, sondern weil ich es will und spannend finde – das ist Leidenschaft.

Doch diese Leidenschaft geht verloren, der Enthusiasmus schwindet, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen. Und das ist seit einiger Zeit der Fall, daran krankt die ganze Branche. Denn es wird noch immer versucht, eine Phantasiewelt aus rein kreativer Arbeit, „ganz viel“ Spaß und großen Brands als Auftraggebern aufrechtzuerhalten – die Agenturblase, die Branchenfremden und insbesondere Berufseinsteigern immer wieder ein falsches Bild unserer Arbeit vermittelt. Zuletzt mal wieder durch die „10 ernsthaften Ratschläge, wie man lockerer durchs (Berufs)Leben kommt“. Ganz wunderbare Tipps. Meine erste Reaktion: Ich habe laut gelacht. Darauf folgte ein entsetztes Schweigen. Soll das ernst gemeint sein? Zugegeben: Das Beherzigen dieser Ratschläge würde unser Leben deutlich entspannen. Aber in einer Agentur: unmöglich!

Der erste Ratschlag: „Mach dir jeden Morgen noch mal klar, dass wir im Job nur Monopoly für Erwachsene spielen. Egal, was wir hier machen oder nicht machen – die Welt dreht sich weiter. Deshalb sollten wir uns bei aller Ernsthaftigkeit selbst nicht zu wichtig nehmen.“

Dieses Statement entgegne ich einfach mal dem Kunden, zeitgleich meinen Vorgesetzten, wenn das nächste Mal etwas mit höchster Dringlichkeit, asapst bis zum nächsten Tag erledigt werden muss und ende mit „Entpannt euch, morgen ist ja auch noch ein Tag!“

Und im Personalgespräch, das mir daraufhin mit Sicherheit bevorsteht, zitiere ich einfach Tipp 10: „Liebe deine Familie, deine Freunde, dich selbst und das Leben. Aber nie deinen Job.“

Mehr Realismus

Wann fangen wir an, realistisch zu kommunizieren, wie wir arbeiten? Es ist ein verdammt harter Job und wir brauchen ein dickes Fell, um täglich aufs Neue bestehen zu können – gegenüber den Kunden und ihren anspruchsvollen Wünschen, den Vorgesetzten und den Kollegen. Wir sind eben nicht den ganzen Tag nur kreativ und sitzen auch nicht nur in Brainstormings. Zu unserem Alltag gehören auch langweilige, verwaltierische Aufgaben und niemals enden wollende Abstimmungsschleifen und Diskussionen mit unseren Kunden, die unsere Arbeit letztendlich finanzieren. Nur allein mit kreativen Ideen lässt sich eben ein Unternehmen nicht führen.

Aber was haben wir davon? Wir sind Experten für vielen Facetten der analogen und digitalen Kommunikation, Marken und auch menschliches Miteinander – Unternehmen fragen uns um Rat, bitten uns um Hilfe, außergewöhnliche Ideen für sie zu entwicklen. Wir arbeiten gemeinsam mit tollen, spezialisierten Kollegen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und lernen täglich dazu. Und wenn wir unsere Arbeit gut machen, sehen wir die Resultate im ganzen Land – online, mobile, im TV, im Radio, in Zeitungen und Magazinen… Und nebenbei werden wir zu wahren Organisationstalenten.

Das sind die Fakten, über die wir reden sollten, die Gründe dafür, dass wir eben bewusst unter anderen Bedingungen arbeiten – mit viel Leidenschaft. Allerdings auch nicht bis zum Ende unserer Tage, das hält ja kein Mensch auf Dauer aus. Irgendwann steigt man dann immer weiter auf und kann stärker delegieren oder man wechselt den Job.

Mehr dazu auch in einem meiner vorherigen Posts: Traumberuf Werber?! – Wie wir das Berufsimage wirklich verbessern.

Photo by penjelly

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2 thoughts on “Morgen ist auch noch ein Tag!

  1. Timo Lock

    Ich kann sehr wenig, das dafür aber sehr gut. Ich bin leidenschaftlich kreativ, leidenschaftlich selbst und ständig und habe mich vor 30 Jahren für diesen Weg entschieden oder vor 30 Jahren hat sich dieser Weg für mich entschieden. Die Auswirkungen meiner Berufung sind vergleichbar mit denen von Spitzensportlern. Vieles muss Stimmen und vieles kommt zu kurz, damit ich immer wieder auf den Punkt genau fit bin für die beruflichen 100 Meter oder den beruflichen Marathon. Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf und auch wenn ich mich nicht im Rennen befinde, bin ich trotzdem noch lange nicht im herkömmlichen „Privatmodus“. Ich muss meine Fähigkeiten zu jeder Zeit und an jedem Ort weiterentwickeln und trainieren. Wenn ich meine Sportschuhe mal ausgezogen habe, bin ich trotzdem weiter ein Sportler und wenn ich schlafe, bin ich ein schlafender Sportler. Die geernteten Medaillen und die Aufmerksamkeit sind begehrt, die Arbeit auf dem Weg dahin eher weniger. Mit leichter Ironie bezeichne ich mich auch als Asozial, weil meine Arbeits- und vor allem Freizeiten selten mit denen meines sozialen Umfeldes synchronisierbar ist. Ich kann Verabredungen schlecht im Voraus treffen, weil ich nicht weiß, welche Belastungen ich dann ausgesetzt sein werde und ob ich noch gesellschaftsfähig bin. Ich kann um 19:00 Uhr nicht zu Vernissagen gehen, weil ich visuell dann noch nicht wieder aufnahmefähig bin. Und was mich einzig und alleine davor bewahrt, als Autist erkannt zu werden, ist meine Freundin, die ich manchmal auch als meine Sozialmanagerin bezeichne. Ja, die Rahmenbedingungen werden immer schlechter und ich immer älter, um mir den Leidensaspekt meiner Leidenschaft noch lange leisten zu können. Aber was ich viel wichtiger finde in Bezug auf die Diskussion, ist, dass es in Bezug auf meine Arbeit viel zu wenig Menschen, Kunden und Kollegen gibt, die auf mich aufpassen, die meinen Monitor abschalten und mich nach Hause schicken. Was fehlt, sind die guten Trainer, die Menschen wie mich von der Kreisklasse über die Landesmeisterschaft, die deutsche Meisterschaft bis zur Europa- und Weltmeisterschaft führen. Trainer, die mir helfen, dass ich das ohne Dopingmittel und (zu große) Spätfolgen schaffe. Trainer, die nicht nur ihren Erfolg, sondern bei aller Selbstausbeutung auch meine Gesundheit im Auge behalten. Trainer, die mir den Rücken freihalten, mir den nötigen Freiraum lassen und mich gerade dann unterstützen, wenn ich nicht erster werde oder mal in die komplett falsche Richtung laufe. Trainer die mir gegenüber absolut loyal sind – und das auch über die übliche Vertragsdauer für Trainer hinaus.

    Wenn ich das alles in einem Trainer finde, dann Widme ich ihm gerne meine Siege. Und meiner Leidenschaft weiterhin gerne all meine Energie und Aufmerksamkeit.

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