Traumberuf Werber?!

Wie wir das Berufsimage wirklich verbessern

Anlässlich des ADC-Festivals, das letzte Woche in Hamburg stattfand, erschien auf wuv.de ein Lobgesang auf den Beruf des Werbers – aus der Feder von Reinhard Patzschke, Geschäftsführer Beratung und Partner der Werbeagentur Grabarz & Partner. Er findet: der Beruf des Werbers ist ein Traum, für den mehr Werbung gemacht werden sollte – und das tut er auch.
Werter Herr Patzschke, Sie sind (zurecht) gerne Werber, da es, wie Sie schreiben, “ein sehr wertvoller, ein Werte schaffender, faszinierender und relevanter Beruf ist, den definitiv nicht jeder kann und der unvergleichlich ist. Kurzum: ein Traumberuf.”

Ich stimme Ihnen zu: der Beruf des Werbers ist schon ein sehr spannender und abwechslungsreicher, insbesondere in der Beratung. Doch Employer Branding bzw. Werbung für einen ganzen Berufsstand funktioniert heutzutage anders – auf gar keinen Fall als ein reiner Lobgesang. Sie haben da in Ihrer Schilderung ein paar, nicht ganz unwichtige, Details vergessen – Details, die zu unserem nunmal dazu gehören. Dass unser Berufsalltag nicht so schillernd ist, wie Sie ihn beschreiben – wie ihn leider auch sämtliche Hollywood-Produktionen immer wieder darstellen – hat sich mittlerweile herumgesprochen. Lassen Sie uns doch einfach ehrlich sein und den Beruf nicht beschönigen, sondern so darstellen, wie er wirklich ist. Denn auch dann bietet er noch viele Anreize.

1. Transparenz schaffen – das Handwerk und die Arbeitweise der Agenturen erklären

Wie Sie richtig schreiben: nicht jeder ist für den Beruf des Werbers geeignet, sondern nur diejenigen, “die ihr Talent voller Leidenschaft der Leidenschaft der Kommunikation zur Verfügung stellen, sich dafür haben hart ausbilden lassen und sich täglich weiterbilden müssen.” Soweit gebe ich Ihnen absolut Recht. Wer in der Werbung arbeiten möchte, sollte sein Handwerk genau verstehen und auch wissen, worauf er sich einlässt. Denn es ist ein herausfordernder Job. Wir haben uns bewusst für die Arbeit in der Agentur entschieden und wissen auch sehr genau, was uns erwartet. Anfänger wissen das leider oft nicht und fühlen sich dann nach kurzer Zeit vor den Kopf gestoßen, das Hochgefühl über einen Job in der Kreativbranche wird oftmals abgelöst durch Ernüchterung und Enttäuschung über den wahren Berufsalltag. Darunter leidet letztlich auch das Image des gesamten Berufsstandes und das führt zu hohen Fluktuationsraten. In der Berufsausbildung sollte es daher weitaus mehr Transparenz zum Arbeitsalltag unseres Traumberufs geben – und dazu gehören eben auch die Schattenseiten (die es in jedem anderen Beruf natürlich auch gibt). Mit dem Beruf des Werbers geht auch ein anderer, von der Norm abweichender, Lebensstil einher – wenig Zeit für Familie, Freunde und Freizeitaktivitäten. Oft werden die Kollegen zur Ersatzfamilie. Man lebt sein Privatleben, weil recht begrenzt, also umso intensiver. Es ist auch eine bewusste Entscheidung für den Beruf, gegen eine ausgeglichene Work-Life-Balance – es ist eher eine Work-Life-Choice.

2. Der Agenturalltag ist kein Hollywood-Streifen

Wir kommen eben nicht jeden Morgen gut gelaunt ins Büro, nicht mit einem “Coffee to go” und nicht in der schicksten Business-Kleidung, um die Welt zu verändern. Leider rennt dann auch keine nervöse Assistentin mit Telefonnotizen und der Agenda des Tages hinter uns her – so wie uns die Filmindustrie gerne weismachen möchte. Normalerweise kommen wir übermüdet ins Büro, da wir am Tag zuvor wieder bis in die Puppen am Schreibtisch gesessen haben, um alle Abgaben rechtzeitig zu schaffen – für ein Projekt, dass spontan und ganz kurzfristig eingebrieft wurde, dann aber “asapst”, binnen viel zu kurzer Zeit, erledigt werden musste. Und so stehen wir jeden Tag vor neuen Herausforderungen – Sie haben Recht, es wird nie langweilig, “da wirklich kein Tag wie der andere ist.” Das erschwert jedoch die Aufgaben- und Ressourcenplanung und ist nicht immer so spaßig.

3. Werber sind Überzeugungsarbeiter

Als Berater können wir tatsächlich ab und zu etwas bewegen und den Kommunikationswandel aktiv mitgestalten – das kostet aber auch viel Energie, denn neben den Kollegen muss auch der Kunde von innovativen Ideen überzeugt werden, denn der scheut neue Wege bzw. sieht oft zu große Risiken. Wir erarbeiten Konzepte, für großartige und innovative Kommunikationsmaßnahmen, an denen Kreative mehrere Tage und Nächte lang gearbeitet haben. Dann wird mit diesen Ideen um den Etat eines Unternehmens gepitcht. Da gibt es (in der Regel) nur einen Gewinner. Die Ideen der anderen Agenturen, die am Pitch beteiligt waren, bekommen dann “die Stadt, das Land oder sogar die ganze Welt” leider nicht zu sehen. Bei Ideen, die in laufenden Projekten vorgestellt werden, hat der Kunde entweder nicht das zusätzliche Budget oder er sieht den Mehrwert nicht. Hier ist viel Überzeugungsarbeit nötig. Das Gute daran ist: man lernt sehr gut, seine eigenen Ideen zu präsentieren und zu vermarkten. Hat man dies geschafft, dann ist man natürlich stolz, wenn die eigene entwickelte Kampagne im ganzen Land sichtbar ist.

4. Im Alltag sind Berater überwiegend Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen – keine Innovatoren

Unser Berateralltag besteht leider auch nicht jeden Tag daraus, den Kommunikationswandel aktiv zu gestalten. Wir arbeiten leider auch nicht jeden Tag an kreativen Konzepten und wir sitzen auch nicht den ganzen Tag in kreativen Brainstormings. Unsere Hauptaufgabe als Berater besteht darin, zwischen den kreativen Köpfen und dem Kunden, also auch verschiedenen Denk- und Arbeitsweisen sowie Unternehmenskulturen, zu vermitteln. So müssen wir den Creative Directors, den Copywritern, den TV- Produzenten und den Onlinern unserer Agentur (anhand detaillierter Briefings) erklären, was der Kunde wünscht. Und das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Denn kreative Menschen sind (zurecht und zum Glück) eigensinnig und oftmals widerspenstig – sie haben ganz andere Vorstellungen von der Kampagnenumsetzung als der Kunde. Und gleichzeitig müssen wir den Kunden auch beraten – sehr sachlich, unemotional und mit den richtigen Argumenten, ohne ihm zu nahe zu treten. Das erfordert viel Geschick und taktisches Feingefühl, auch wenn sich der Kunde am Ende durchsetzt. Dann beißt man die Zähne zusammen, springt über seinen Schatten und denkt an die weitere, möglichst gute Zusammenarbeit.

5. Wir lernen jeden Tag dazu

Ja, in unserem Alltag lernen wir viele interessante Menschen mit den unterschiedlichsten Charakteren und spannenden Geschichten kennen. Und wir lernen, mit ihnen umzugehen – ob es nun unsere Kunden sind, unsere Vorgesetzten, Kollegen anderer Abteilungen oder des eigenen Teams. Jeder hat spannende Geschichten zu erzählen, die uns inspirieren und hilfreiche Impulse für die Arbeit geben. Wir lernen zudem von der Erfahrung unserer Kollegen. Wir lernen, geduldig zu sein und uns durchzusetzen bzw. mit den richtigen Argumenten zu überzeugen. Wir lernen den Umgang mit Menschen und deren Charakteren. Wir lernen aber auch, wie Kommunikation und Werbung funktionieren. Wir lernen, Kunden gut zu führen. Wir lernen, wie wir Projekte und Kampagnen richtig managen – vom Projektmanagement, bis hin zur Zeit-, Budget- und Ressourcenplanung.

Fazit: Werber ist ein vielseitiger Beruf, voller Herausforderungen – kein Job, wie jeder andere

Zusammengefasst stimme ich Ihnen, Herr Patzschke, bei Ihrem Fazit zum Beruf des Werbers zu: “Kurzum: Welcher Beruf hat das Potenzial, dass wirklich kein Tag wie der andere ist? Weil jede Minute etwas Neues passieren kann, das uns inspiriert und begeistert? Werber ist so ein Beruf!”

Mehr Aufklärungsarbeit, statt Lobgesänge

Mit der Zeit werden wir zu krisenerprobten Kommunikationsprofis und Allround-Talenten. Das befähigt uns Werber tatsächlich, die Zukunft der Kommunikations- und Medienlandschaft zu beeinflussen. Aber es ist eben nicht unsere primäre Aufgabe im Alltag. Es wäre doch langweilig, wenn wir stets nur innovieren und jeden Tag kreativ sein und vor neuen Ideen sprudeln müssten. Hätten wir das Besondere jeden Tag, so ist es doch irgendwann nichts Besonderes mehr, sondern wird zur Routine. Der Reiz an der Arbeit in der Werbung besteht also vielmehr darin, die beschriebenen Herausforderungen des Alltags zu meistern und situationsbedingt kreativ bzw. innovativ sein zu dürfen. Lassen Sie uns also gern gemeinsam mehr Werbung für unseren Berufsstand machen, beispielweise im Rahmen einer Gattungsinitiative. Aber eher als Aufklärungskampagne über die Arbeit, für die nicht jeder geeignet ist, sondern für die es ein hohes Maß an Organisationsgeschick, zwischenmenschlicher Kompetenz und vor allem Leidenschaft bedarf. Ein Beruf, der viel fordert, aber auch die Verwirklichung von Ideen und Visionen ermöglicht.

Photo by melburnian

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